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Fenja an der Huntsville Secondary

Ich wusste schon immer, dass ich während meiner Schulzeit auf jeden Fall für einige Zeit ins Ausland gehen möchte. Den ganzen Tag Englisch reden, neue Leute kennenlernen, auf eine echte High School gehen und mal ein anderes Leben führen als bisher. Deshalb entschied ich mich dafür, am Anfang der zehnten Klasse für drei Monate nach Kanada zu gehen. Ein ganzes Jahr kam für mich persönlich nicht in Frage, weil ich gerne mit meinen Freunden Abi machen und nicht so gerne ein Schuljahr wiederholen wollte.

Anfang September 2016 ging es dann endlich los.

Wir haben uns alle in Frankfurt am Flughafen getroffen, um gemeinsam nach Toronto zu fliegen. Ich habe mich gefreut, die Leute, die ich schon auf dem Vorbereitungsworkshop kennengelernt hatte wiederzusehen, die auch an der Orientation teilnahmen.

Do it! bietet nämlich sogenannte Orientations an, das heißt wir sind nicht direkt zu unseren Gastfamilien geflogen, sondern haben erst drei Tage in Toronto verbracht und uns dort einige Sachen angesehen. Besonders beeindrucken fand ich persönlich den CN Tower von dem aus man die gesamte Stadt überblicken kann und die Niagara Fälle. Außerdem hatten wir einen weiteren Vorbereitungsworkshop von der kanadischen Partnerorganisation. Dort haben wir noch einmal über die kanadische Kultur, Landesregeln und das Leben in einer Gastfamilie geredet. Das war wirklich cool, vor allem weil der Workshop auf Englisch gehalten wurde. Die Orientation hat mir sehr gut gefallen, weil man sich schon einmal auf das Land einstellen konnte, diese Eindrücke aber noch mit den anderen Teilnehmern teilen konnte.

Am Flughafen wurde ich dann am letzten Tag der Orientation überraschenderweise direkt schon von meiner Gastfamilie in Toronto abgeholt, anstatt mit dem Bus weiter nach Huntsville zu fahren. Ich war ein bisschen überrumpelt, aber im Nachhinein war es die beste Lösung, weil ich mir dann nicht so viele Gedanken machen konnte, sondern einfach ins kalte Wasser geschmissen wurde.

Ich muss sagen ich habe wirklich, wirklich Glück gehabt mit meiner Gastfamilie. Mein Gastvater ist Lehrer an meiner High School für Photography und Media Arts und meine Gastmutter arbeitet sogar für die kanadische Partneraustauschorganisation und war damit auch mein homestay coordinator (zusätzlich zum homestay coordinator gibt es auch noch einen local coordinator, an den man sich auch wenden kann, wenn man irgendwelche Probleme hat, oder unzufrieden ist in seiner Gastfamilie). Dann hatte ich drei Gastschwestern, die jüngste ist ein Jahr älter als ich und war auch noch auf meiner Schule (in Huntsville gibt es nämlich nur eine High School) und die beiden älteren sind 23 und 25 Jahre alt. Sie waren auch sehr oft zu Besuch. Das Leben in meiner Gastfamilie hat mir sehr viel Spaß gemacht. In so einer großen Familie passiert ständig irgendetwas, alle sind laut und lachen viel und es gibt immer etwas zu erzählen. Beim Abendessen war das immer besonders witzig.

 

Fenja Poppe Huntsville Secondary 2016 Natur in Kanada

 

Für mich persönlich war auch die Sprache nicht wirklich problematisch. Man passt sich sehr schnell an und wenn man etwas nicht verstanden hat oder eine Vokabel fehlt sind alle sehr geduldig und nett und probieren einem so gut es geht zu helfen. Dabei war es von Vorteil, dass ich die einzige Austauschschülerin aus Deutschland war in meiner Stadt, das heißt ich war gezwungen Englisch zu reden. Das fand ich aber ganz gut, weil bei vielen, die in größeren Städten waren, es häufig so war, dass mehrere Austauschschüler aus einem Land da waren und diese sich dann immer nur untereinander in ihrer Landessprache unterhalten haben. Ich hatte quasi gar keine andere Wahl, als mit Kanadiern in Kontakt zu kommen, weil es eben kaum Austauschschüler gab an meiner Schule. Genau deswegen habe ich mich auch für einen kleineren Ort entschieden, weil in großen Städten logischerweise immer mehr Internationals sind.

Kommen wir zur High School.
Das Schulsystem in Kanada ist ganz anders als wir es aus Deutschland kennen. An der Huntsville High School ist es so, dass man vier Kurse pro Halbjahr belegt. Diese vier Fächer hat man dann jeden Tag, aber in unterschiedlicher Reihenfolge. Das heißt man hat vormittags zweimal zwei Doppelstunden und dann nachmittags nochmal. Ich hatte Grade 9 English, Grade 10 Visual Arts, also Kunst, Grade 11 Mathe und Grade 11-12 Drama. Wie man sieht war ich über alle Jahrgangsstufen verteilt, was gut war, weil man viele Leute kennengelernt hat. Ich konnte die Fächer nicht im Voraus in Deutschland schon wählen, sondern habe mich dort vor Ort entschieden. Die Kanadier wählen ihre Fächer schon am Ende des letzten Schuljahres, deshalb waren viele Kurse schon voll. Der Guidance Councellor, hat mir dann unterschiedliche Kurse vorgeschlagen, die ich noch wählen konnte, unter anderem Drama. Erst war ich mir ziemlich unsicher was das anging, doch im Nachhinein war Drama sogar mit das beste Fach. In Drama habe ich die meisten Leute kennengelernt, weil man die ganze Zeit miteinander zu tun hat und nicht nur am Tisch sitzt und dem Lehrer zuhören muss.

 

Fenja Poppe Huntsville Secondary 2016 Schulgebäude und Schulbus   Fenja Poppe Huntsville Secondary 2016 Indian Summer

 

Allgemein ist es nicht schwierig in Kanada in der Schule Kontakte zu knüpfen. Jeder ist super freundlich und interessiert und stellt viele Fragen. Man kommt sehr einfach ins Gespräch. Das ist auch mit einer der größten Unterschiede der mir aufgefallen ist. In Kanada, egal wo man hinkommt, wird überall smalltalk gehalten. Wenn man beispielsweise im Skilift säße mit einer fremden Person würde in Deutschland nicht geredet werden. In Kanada ist das undenkbar. Es gehört dazu, miteinander zu reden. Das ist es, was mir so gefällt an den Kanadiern. Alle sind offen und freundlich. Mein Gastvater hat sich auch immer mit allen Leuten unterhalten, egal wo wir waren.

Eine weitere Sache die ich an meiner Schule in Kanada viel besser finde und was an deutschen Schulen ganz anders ist, ist, dass dort immer morgens vor der ersten Stunde und am Ende der Mittagspause Musik durch die Lautsprecher läuft. Von den aktuellen Charts bis hin zu High School Musical ist alles dabei. Generell gibt es dort viel mehr Aktionen in der Schule, auch von Seiten der Schüler aus und die Lehrer machen oft mit. Es gibt sogenannte Spirit Weeks in denen viele unterschiedliche Aktionen stattfinden, wie zum Beispiel der berühmte Pyjama Day, dann Pancake Day, wo jede Fachschaft seine eigenen Pfannkuchen kreiert und verkauft oder den Hoyas Day, an dem sich alle in den Schulfarben anziehen. Und im Winter findet jährlich das Ice Hockey Schüler gegen Lehrer Match statt.

Ice Hockey gehört in Kanada so dazu wie hier der Fußball. Fast alle Jungen spielen dort schon von klein auf Ice Hockey und am Wochenende wird die NHL im Fernsehen geguckt. Auch in der Schule hat man jeden Tag viele Jungen mit Hockey Jerseys herumlaufen sehen, hauptsächlich von den Toronto Maple Leafs oder den Huntsville Otters.

Die Nationalhymne ist auch so eine Sache. Erst war es ein bisschen komisch, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran, dass jeden morgen vor Unterrichtsbeginn die Nationalhymne gespielt wird. Jeden Tag hieß es aufs Neue: „please remove your hats and stand for our national anthem“. An meiner High School gab es lustigerweise mehrere Versionen der Hymne, die immer abwechselnd gespielt wurden. Eine Accapella Version, eine Rockversion, eine traditionelle Version usw. Das brachte zumindest eine wenig Abwechslung und ratet mal wer jetzt die Nationalhymne in und auswendig kann...

Die Kanadier sind generell sehr stolz auf ihr Land und verbergen dies auch nicht. Überall hängen Kanadaflaggen und es wird sich oft und gerne über die kanadischen Holzfäller-Klischees unterhalten und lustig gemacht. Allerdings herrscht dort eine andere Art von Patriotismus. Die meisten Leute sind eher stolz darauf, dass Kanada so weltoffen ist und aus so vielen unterschiedlichen Kulturen besteht. Dort ist auch fast niemand „komplett kanadisch“. Natürlich haben alle europäische Vorfahren, aber bei vielen die ich kennengelernt habe ist es so, dass sogar die Großeltern noch aus verschiedenen Ländern Europas kamen. Viele waren stolz darauf, Dinge zu sagen wie „I’m half Italian, half Spanish and a bit Danish“ zum Beispiel. Eigentlich wussten alle die ich kennengelernt habe über ihre Vorfahren Bescheid, oder zumindest aus welchem Land diese ursprünglich kamen.

 

Fenja Poppe Huntsville Indian Summer

 

Kanada ist sehr multikulturell, aber trotz der unterschiedlichen Herkunftsländer sind doch alle Kanadier. Eine weitere Sache, die ich gelernt habe.

Rückblickend wäre ich viel lieber noch länger dort geblieben. Ich hatte so viel Spaß mit meinen neuen Freunden und meiner Gastfamilie! Der Abschied ist mir sehr schwer gefallen. Ich hatte mich gerade eingelebt und dann musste ich schon wieder zurück in mein altes Leben. Wie depressiv ich auf dem Rückflug war kann man sich bestimmt vorstellen.

Was ich insgesamt am allerbesten an meinem Auslandaufenthalt fand war, dass immer, wenn man dachte man würde sich einigermaßen auskennen, noch etwas Neues passiert ist und man immer noch mehr neue Erfahrungen gemacht hat und immer noch mehr neue Leute kennengelernt hat.
Hier zu Hause ist das anders. Man hat sein gewohntes Umfeld und kennt sich aus in seinem Bekanntenkreis. Auf Dauer ist das langweilig.

Deshalb kann ich persönlich jedem empfehlen, für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Einfach nur um dieses Gefühl zu kriegen, dass immer etwas Neues kommt. Einfach, um einmal sein normales Leben für eine Zeit lang hinter sich zu lassen.

Fenja :)