Erfahrungsberichte High School Schueleraustausch2
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Marit an der Riverview High School

Zuerst einmal ein großes Dankeschön an Do it! für die gute Beratung!

Ich weiß noch genau, wie ich stundenlang Kataloge durchgeblättert und mir den Kopf über das Luxusproblem zerbrochen habe, wo ich mein Auslandshalbjahr verbringen möchte. Letztendlich entschied ich mich dann für die Stadt Moncton in der bilingualen Provinz New Brunswick in Kanada, weil ich am French-Immersion-Programm teilnehmen wollte. Das bedeutet, dass man in der High School mehrere Fächer auf Französisch belegt. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich auch auf meine Wunschschule (die Riverview High School) gekommen bin, da diese neben einem guten bilingualen Programm auch Outdoor Pursuits anbietet - ein Fach, dass es in Deutschland überhaupt nicht gibt und bei dem jegliche Outdooraktivitäten im Mittelpunkt stehen.

Nachdem ich monatelang auf den Tag des Abflugs hingefiebert hatte, war ich nur froh darüber, dass es endlich losging. Von Frankfurt aus flog ich mit einer recht großen Gruppe von Do it! nach Toronto zur Orientation, die sehr gut organisiert und erlebnisreich war. Vor allem aber war sie gut, um den Jetlag zu überwinden, unter dem ich leider etwas mehr gelitten habe als die anderen, da ich noch dazu eine starke Erkältung hatte. Nach der Orientation flog ich dann mit zwei anderen Mädchen weiter nach Moncton. Dabei wurde uns aber ein Schneesturm zum Verhängnis, und da der Pilot in den starken Winden nicht landen konnte, mussten wir wieder nach Toronto zurückfliegen und noch eine Nacht im Hotel schlafen. Die Koordinatoren, die uns auch auf der Orientation begleitet hatten, haben uns aber sehr geholfen, von daher glich das Ganze schon bald einem kleinen Abenteuer. Ein positiver Nebeneffekt war auch, dass meine Nervosität vor dem ersten Treffen mit der Gastfamilie beinahe weg war. Ich wollte einfach nur noch ankommen :)

Nachdem der Flug endlich wie geplant vonstatten ging, verlief die erste Woche in meiner komplett neuen Umgebung recht gut. Ich bat darum, in Klasse 11 statt in Klasse 10 eingestuft zu werden, da ich schon gelesen hatte, dass sich deutsche Austauschschüler in der gleichen kanadischen Klassenstufe oft etwas langweilen. Ich war dann auch froh, mich so entschieden zu haben, weil das Niveau vor allem in Mathe unter dem meines Gymnasiums in Deutschland lag - trotz Klasse elf. Dafür war es auf Französisch und ich habe einige Tage gebraucht, um reinzukommen, aber dann lief alles wie am Schnürchen. Der Stundenplan war jeden Tag gleich, nur die Länge der Pausen variierte von Tag zu Tag.

In meiner Schule konnte ich fünf Kurse wählen, die ich dann auch jeden Tag in fünf jeweils 60-minütigen Stunden hatte. Außer Mathe hatte ich noch Englisch (was in Klasse elf dann doch eine ganz schöne Herausforderung war, aber es hat mich nur noch mehr verbessert), Biologie, Französisch und Outdoor Pursuits. Ich habe mich vor allem sehr gefreut, dass ich Outdoor Pursuits wirklich belegen konnte, weil ich befürchtet hatte, dass dieser Kurs schon voll wäre. Von Schwimmen (die RHS hatte ein eigenes 25m-Becken), Schneeschuhlaufen und Langlaufen im Winter, Lagerfeuer im Wald machen, Klettern, Arbeiten mit Karte und Kompass bis hin zu Knotentechniken lernen wurde in Outdoor Pursuits auch sehr viel vermittelt. Es war eine großartige Erfahrung!!!

Marit Riverview High School Moncton 2018 2 3

Nun zu einem Thema vor dem wahrscheinlich jeder, der für längere Zeit ins Ausland fliegt, ein wenig Bammel hat: Die Gastfamilie. Bei mir bestand sie aus meinen Gasteltern, meinem zwanzigjährigen Gastbruder, der gerade auf seinen Collegeabschluss lernte, meiner gleichaltrigen kanadischen Gastschwester und schließlich noch meiner japanischen Gastschwester. Am Anfang hatte ich gehofft, dass meine Gastfamilie wirklich wie eine richtige zweite Familie für mich werden würde. Ich hatte mir ausgemalt, dass wir vor allem in Sachen Outdoor viel zusammen unternehmen würden. Erst später begriff ich, dass es nicht richtig war, meine Erwartungen an einen sportlichen Familienalltag, so wie ich ihn von meiner eigenen Familie kenne, auf meine Gastfamilie zu übertragen - auch wenn das unbewusst geschah. Meine Gastfamilie bevorzugte nämlich eher gemütliche Wochenenden Zuhause mit gelegentlichen Ausflügen ins Kino oder in die Mall zum Shoppen.

Weil ich eine komplett andere Vorstellung von Freizeit hatte als sie, war ich anfangs etwas enttäuscht, vor allem, weil ich mit der Hoffnung nach Kanada geflogen bin, auch möglichst viel von der Natur in der Umgebung zu sehen. Allerdings habe ich auch viele sehr schöne Momente mit meiner Gastfamilie erlebt, zum Beispiel haben wir fast jede Woche zusammen Cookies gebacken, gemeinsam gekocht oder Spiele gespielt. Meine Gasteltern haben mir auch bei jedem noch so kleinen Alltagsproblem immer weitergeholfen und mich bereitwillig zur Schule gefahren, damit ich dort entweder am Training oder anderen Veranstaltungen teilnehmen konnte. So wurde die High School mit der Zeit auch immer wichtiger für mich und ich versuchte, jede Chance zu nutzen die ich bekam, um das Beste aus meinen fünf Monaten zu machen. Das war genau die richtige Einstellung, denn dank drei sehr engagierter Lehrer und den Freunden, die ich fand, wurde mein Auslandshalbjahr noch viel schöner und erlebnisreicher, als ich es mir hätte träumen lassen.

Schon in der zweiten Woche wurde ich von meiner Biologielehrerin gefragt, ob ich denn nicht Lust dazu hätte, mit einem ihrer zwei Teams an einem provinzweiten Wettkampf namens Envirothon teilzunehmen. Ich sagte sofort zu und wurde in eine Gruppe von biologieinteressierten Schülern aufgenommen, die sich einmal pro Woche mit meiner Lehrerin trafen, um für den Wettkampf zu üben, der im Mai auf der Mount Allison University stattfinden würde. Wir besuchten auch ein paar Vorbereitungsworkshops auf der "University of New Brunswick" und zwei anderen High Schools in Saint John und Sackville. Die Workshops waren superinteressant und ich habe so im Lauf der Monate viel über Environmental Science gelernt.

Viel zu schnell war dann auch das Wettkampfwochenende gekommen und wir waren den ganzen Tag damit beschäftigt, draußen an verschiedenen Stationen als Team Tests über die Hauptkategorien Forestry, Aquatics, Soils und Wildlife auszufüllen. Ganz besonders freute mich, von meiner Lehrerin, die uns außer während der Tests coachte, zum Teamcaptain ernannt worden zu sein. Im Vergleich zum anderen rein kanadischen Team meiner Schule, das Environmental Science als intensiven Schulkurs belegte und somit ein beachtliches Fachwissen aufweisen konnte, war mein Team mit drei Internationals (außer mir noch ein Mädchen aus Brasilien und ein Junge von den Philippinen) und zwei Kanadiern, von denen aber nur einer den intensiven Schulkurs ein Jahr zuvor besucht hatte leicht im Nachteil. Aber wir gaben trotzdem unser Bestes und hatten eine Menge Spaß dabei, alle Aufgaben als Team zu lösen und über die Fragen zu rätseln, von deren Antwort wir so gut wiekeine Ahnung hatten, um so doch noch das Beste aus ihnen herauszuholen.

Nach dem Abendessen wurden wir in einen eigenen Raum gebracht und bereiteten drei Stunden bis um halb elf die große Präsentation vor, die wir am nächsten Tag halten würden. Allein schon die Erfahrung, in einer kanadischen Universität in Zimmern zu übernachten, in denen normalerweise auch die Studenten schlafen, und Teil eines so großen Wettkampfes zu sein, bei dem die Security hoch war, sodass auch ja niemand schummeln konnte, war sehr spannend. Vor der Präsentation am nächsten Tag waren wir dennoch alle ziemlich nervös. Aber es ging Gott sei Dank alles gut und wir stellten mehreren Richtern zwanzig Minuten lang unsere Ausarbeitung verschiedener Ideen zur Vorbeugung von Überflutung vor. Nach dem Mittagessen hörten wir uns die Präsentationen der Top Drei an und die Gewinner wurden geehrt. Als wir wieder zurückfuhren, konnte ich kaum glauben, dass der Envirothon, für den die Teams so viel Zeit investiert hatten, schon vorbei war. Wenige Tage später wurde das Ranking veröffentlicht. Die Riesenüberraschung: Von knapp dreißig Teams haben wir den fünften Platz gemacht und somit auch das kanadische Team unserer Schule geschlagen, das sich offenbar bei den Tests oft uneinig war. Wir waren aus dem Häuschen, und das andere Team hat es zum Glück entspannt gesehen, da wir im Lauf der Vorbereitung und des Wettkampfes alle zusammengewachsen sind.

Neben dem Envirothon hatte ich das Glück, an drei Trips von Outdoor Pursuits aus teilnehmen zu können, die von den zwei sehr engagierten Outdoor-Pursuits-Lehrern meiner Schule organisiert wurden. Der Erste war eine Schultradition namens "Cape Challenge" und führte mich mit einer Gruppe von knapp zwanzig Schülern nach Cape Enrage, einem windgepeitschten Küstenabschnitt in der Nähe des Fundy National Parks. Dort wurden wir in zwei Teams aufgeteilt und mehrere Tage lang mit den unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert. Wir stiegen mit unseren schweren Rucksäcken, unhandlichen Ausrüstungsboxen und Wasserkanistern über Stock und Stein einen Berg hinauf, standen früh morgens zur ersten Sporteinheit auf, spielten in völliger Dunkelheit Capture-The-Flag auf einem Golfplatz, kletterten (natürlich gesichert!) senkrechte Felswände hoch und seilten uns an einer Klippe mit Überhang direkt am Meer ab, sodass wir am Ende zwanzig Meter freiüber dem Boden baumelten. Diese vier Tage waren hoch intensiv, sowohl körperlich als auch mental. Nachts lagen die Temperaturen teilweise unter dem Gefrierpunkt. Dazu regnete es oft, und keiner blieb trocken. Als Team mussten wir auch kochen und Kollektivstrafen wie Liegestützen hinnehmen, sobald jemandem ein Fehler passierte oder wenn man zu spät kam. Der Drill war eine komplett neue Erfahrung für mich und obwohl es hart war, hat es mich begeistert. Das Team ist so gut zusammengewachsen, dass es zum Schluss schien, als würde man sich schon ewig kennen.

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Der zweite Trip bestand aus drei Tagen Kanufahren auf einem See und einem Fluss mit vielen Stromschnellen. Aber es gab keinen Drill mehr so wie bei Cape Challenge. Wir waren nur um die zehn Schüler und eben die Lehrer und Begleiter, daraus entstand dann auch eine viel familiärere Atmosphäre. Der beste Trip war aber der Letzte Anfang Juni, als wir ein paar Tage in den USA in Maine im Baxter State Park verbrachten und Mount Katahdin bestiegen. Das Wetter war traumhaft und die Aussicht auf die scheinbar endlosen Seen und Wälder wunderschön. Ich hatte mich zuvor für den Trip qualifizieren müssen, da die Lehrer nur Schüler mitnahmen, zu denen sie schon ein gewisses Vertrauen aufgebaut hatten und die körperlich dazu in der Lage waren, die insgesamt 22 km mit ca. 1000m Höhenunterschied zu bewältigen, bei denen man oftmals über große Felsbrocken kraxeln musste. Dementsprechend waren alle in der Gruppe sehr motiviert und die Wanderung stellte das absolute Highlight meines Auslandhalbjahres dar.

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Natürlich besteht ein Auslandshalbjahr nicht nur aus Highlights. Wenn ich die besonderen Tage, von denen es auch unglaublich viel zu erzählen gibt hochrechne, komme ich nur auf ungefähr zwei Wochen. Aber das soll nicht heißen, dass der Rest nicht spannend war, im Gegenteil. Wenn man für mehrere Monate ins Ausland geht, hat man die Wahl, die Zeit distanziert anzugehen und ständig mit anderen Deutschen oder Internationals zusammen zu sein, was erstens fürs Englisch lernen nicht so günstig ist, da man immer noch am Besten von Muttersprachlern lernt, und zweitens auf längere Sicht keine Erfahrung ist, die in meinem Fall die Kanadier als "True Canadian Experience" bezeichnen würden.

Man kann sich aber in den Monaten, die man zur Verfügung hat, auch ein komplett neues Leben aufbauen und sich wirklich integrieren. Es gibt Menschen, bei denen das auf Knopfdruck funktioniert, aber bei den Meisten dauert es ein paar Wochen, bis man eine Clique findet, zu der man passt und die einen auch bereitwillig aufnimmt. Dazu gibt es das Kurssystem und jeder hat einen anderen Stundenplan. Darum trifft man die Freunde nur in der Mittagspause, es sei denn man hat ein paar Kurse zusammen. Mein Tipp ist hier, sich zuerst an die Schüler zu halten, die man schon in den Kursen ein bisschen kennengelernt hat, und auf sein Gefühl zu vertrauen!!! Wenn man spürt, dass man in einer Gruppe nicht willkommen ist, macht es keinen Sinn, sich umsonst zu bemühen und man macht sich nur selbst unglücklich. Gleichzeitig sollte man aber auch nicht aufgeben und Geduld haben. Je länger man dort ist, desto besser wird es auch, da man einen immer engeren Draht zu den Leuten bekommt.

Ein paarmal hat die kanadische Partnerorganisation von Do ot! interessante Trips für die Internationals in meiner Region angeboten, darunter ein fünftägiger Aufenthalt in Quebec City mit Hundeschlittenfahren, einem Besuch im Eishotel und Skifahren. Auch dort habe ich ein paar sehr gute Freunde gefunden, und es tut gut, sich ab und zu mit anderen Internationals auszutauschen, weil sie genau in der gleichen Lage befanden. So konnten wir uns auch manchmal zu kleineren Problemen beratschlagen :)

Eine weitere tolle Möglichkeit sind die vielen "extracurricular activities" nach der Schule. Ich war einmal pro Woche beim Lauftreff meiner Schule, habe am Anfang Badminton gespielt und habe am Ende auch bei Track and Field (Leichtathletik) mitgemacht. Die Angebote sind so vielfältig, dass wirklich für jeden etwas dabei ist. Dabei handelt es sich meistens auch um intensives und gutes Leistungstraining. Aufgrund dieses professionellen Trainings wird oft eine Gebühr verlangt, die es sich aber wirklich zu zahlen lohnt. Es hängt aber dennoch von jedem selbst ab, wie man die Zeit letztendlich gestaltet. Von nichts kommt nichts, darum sollte man immer selbst aktiv werden und nicht darauf warten, dass etwas passiert! Man sollte aber auch nicht verzweifeln, wenn mal etwas nicht klappt, und an sich selbst glauben. Bei waren die fünf Monate mit unvergesslichen Erfahrungen gefüllt und ich will keine einzige Sekunde missen. Wenn ich zurückblicke, stelle ich fest, dass ich mental stärker bin als vor meinem Auslandshalbjahr.

Ich denke sehr gerne an diese spannende Zeit zurück und kann nur jedem empfehlen, der sich überlegt, auch ein paar Monate im Ausland zu verbringen, diese Chance unbedingt zu nutzen!